„Der gefeierte Schriftsteller Guy de Maupassant kann sich vor Liebesbriefen kaum retten. Meist wirft er sie in den Papierkorb. Doch jener Brief, den er im März 1884 von einer jungen Frau erhält, die anonym bleiben möchte, erregt sein Interesse. Die Schreiberin betet ihn nicht an. Sie sucht keine Liebesaffäre, sondern geistigen Austausch. Die Unbekannte ist die 25-jährige Malerin Marie Bashkirtseff, eine kluge Russin, die in Paris lebt. Er ist misstrauisch, provoziert sie. Es kommt zu einer leidenschaftlichen Korrespondenz, nur 13 Briefe lang. Beide öffnen sich nur vorsichtig. Sie sind Scheidungskinder, trotz Erfolg einsam, schwer krank, sie hat Tuberkulose, er Syphilis. Die Briefe enden abrupt. Nur einen kurzen Moment lang scheint es, als könnten zwei Menschen füreinander bestimmt sein. Die Briefe werden mit schöner Distanz von Birte Schnöink und Markus Fennert gelesen."

Rainer Kasselt für Sächsische Zeitung / Kultur vom 29. Dez. 2010
....................................................................................................

Gut gegen Westwind

„Guy de Maupassant ist ein gemachter Mann, als er im Jahr 1884 Post von einer Unbekannten bekommt. Marie Bashkirtseff, eine gebildete, welterfahrene junge Frau und vielversprechende Malerin, schreibt ihm einen bewundernden Brief. Sie möchte inkognito bleiben und träumt zugleich davon, die „Vertraute Ihrer schönen Seele zu werden – falls Sie überhaupt eine schöne Seele haben“. Hier blitzt schon die geistreiche, oft provozierende Ironie auf, die zu Marie genauso gehört wie ihre Arbeitslust im Atelier und ihr leidenschaftliches Eintreten für Frauenrechte. Herablassend antwortet Guy de Maupassant, dass er in den letzten Jahren fünfzig oder gar sechzig solcher Briefe von Unbekannten erhalten habe. Mit gespieltem Erstaunen schreibt sie zurück: „Was, nur sechzig Briefe? Haben sie allen geantwortet?“ Nun möchte der Romancier aber doch wissen, wer sie ist, womöglich „eine alte Concierge? Wie ist die Form ihres Ohres? Sind sie verheiratet?“ Von seiner Langeweile schreibt er ihr auch und provoziert damit seinerseits Marie: „Ich bin manchmal traurig oder entmutigt, aber mich langweilen? Niemals!“ Durch ihre entwaffnende Offenherzigkeit holt Marie Bashkirtseff ihn ziemlich schnell vom hohen Ross als umworbener Schriftsteller, Journalist und Held von Pariser Klatschgeschichten herunter.
Wenn er in einem blasierten Postskriptum anmerkt: „Entschuldigen Sie die vielen Korrekturen, aber ich habe überhaupt keine Zeit für eine nochmalige Abschrift“, kontert sie in ihrem PS: „Entschuldigen Sie die vielen Korrekturen, ich habe den Brief schon dreimal abgeschrieben." Dabei ist es in Wahrheit sie, die keine Zeit hat: Ein halbes Jahr nach dem Briefwechsel stirbt Marie mit fünfundzwanzig Jahren an Tuberkulose.[…]     

Anja-Rosa Thöming für FAZ vom 31. Dez. 2010

....................................................................................................

Ein kleiner Lüstling

„Wie man Damen mit Worten zwickt: Der Briefwechsel zwischen Marie Bashkirtseff und Guy de Maupassant
Auf Bällen, weiß Guy de Maupassant, gebe es eine unfehlbare Methode, eine Dame von einer Dirne zu unterscheiden: Man brauche die fragliche Person nur zu zwicken. Würde das Zwicken bloß eine eher gelangweilte Reaktion hervorrufen, habe man es unzweifelhaft mit einer Dirne zu tun. Sie sei derartige Übergriffe schließlich gewöhnt. Werde die Person dagegen wirklich böse, so handele es sich bei ihr fraglos um eine Dame. Dieselbe bewährte Methode, lässt Guy de Maupassant seine Briefpartnerin Marie Bashkirtseff wissen, habe er bei ihr angewandt; nur habe er sie eben mit Worten gezwickt. Ihre Antwort darauf sei jedoch ebenso unverkennbar die einer Dame gewesen, als habe er sich mit den Fingern an ihren Schenkeln zu schaffen gemacht.
Der Hörer verzeiht dem findigen Schriftsteller seinen Trick gerne. Anders ist es nämlich nicht einfach, etwas über die Empfängerin seiner Briefe zu erfahren. Dabei ist sie es, Marie Bashkirtseff, die den Briefwechsel begonnen hat. Mit einem außergewöhnlichen Menschen will die 26jährige in Kontakt treten, mit jemandem, den sie bewundern kann und der ihrem sprühenden Intellekt etwas entgegenzusetzen hat. Dafür hat sie sich - Dumas und Hugo sind ihr zu alt - Maupassant ausgesucht, den, wie sie meint, vielleicht Besten seiner Generation - wenn er auch nicht vergleichbar sei mit dem anbetungswürdigen Balzac. Das immerhin teilt sie ihrem Tagebuch mit, aus dem die Hörbuchfassung des Briefwechsels zwischen ihr und dem Autor von 'Bel ami' einige kurze Passagen hörspielartig inszeniert.
Es ist überdies kein umfangreicher Briefwechsel, auch deswegen, weil Bashkirtseff noch im Jahr seines Beginns, 1884, an Tuberkulose stirbt. Erstaunlich aber ist, dass Maupassant sich überhaupt auf ihn eingelassen hat. Er kennt die Dame nicht, die ihm da schreibt, ja er kann sich nicht einmal sicher sein, dass sie eine Dame, dass sie überhaupt weiblichen Geschlechts ist.
Aber gerade diese Ungewissheit muss ihn gereizt habe, und wie die beiden Fremden einander mit Worten umtänzeln ist wahrlich höchst anmutig. Wirklich nahe kommen aber möchte Bashkirtseff, selbst eine ehrgeizige Malerin und späterhin so etwas wie eine Ikone der Frauenbewegung, wirklich nahe kommen möchte sie dem Schriftsteller nicht: Ein Treffen lehnt sie ab, selbst ihn anonym aus der Ferne betrachten möchte sie nicht. Das liegt aber weniger daran, dass Maupassant 'unbestreitbar ein kleiner Lüstling' ist und durchaus 'widerwärtige Sachen geschrieben' hat, vielmehr zeigt sich Bashkirtseff trotz seiner kleinen Tricks und Unverschämtheiten, trotz seiner Beteuerung, er schreibe ihr nur, 'weil ich mich ganz abscheulich langweile' nicht gänzlich von seiner Originalität überzeugt. Die Langeweile vertreibt, nicht nur dank der kurzweiligen Briefe gleichwohl auch dieses Hörbuch. Birte Schnöink und Markus Fennert bieten die schwungvollen Sätze des seltsamen, sich nur für einen flüchtigen Moment berührenden Paares flüssig und ohne falsche Töne dar.“

TOBIAS LEHMKUHL für Sueddeutsche Zeitung vom 5. Okt. 2010