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Während des Zweiten Russisch-Türkischen Krieges erhielt der österreichische Feldmarschall Fürst von Ligne von Kaiser Joseph II. und Katharina II. die Erlaubnis, sich bei den Vorbereitungen zum Sturm auf Otschakow in Jahre 1788 in Potemkins Hauptquartier aufzuhalten. Er beschrieb den damals fast fünfzigjährigen Potemkin wie folgt:

„Hier ist ein Oberbefehlshaber, der den Eindruck macht, träge zu sein, und der doch stets beschäftigt ist, der als Schreibpult nur seine Knie, als Kamm nur seine Finger benutzt, der sich stets auf seiner Couch räkelt, aber weder bei Nacht noch am Tage schläft. Sein Eifer für die Kaiserin, die er verehrt, hält ihn ständig wach und unruhig. Ein Kanonenschuß, dem er selbst nicht ausgesetzt ist, beunruhigt ihn durch den Gedanken, daß er das Leben eines seiner Soldaten kosten könnte. Er zittert für andere und ist selbst tapfer. Er stellt sich unter das Batteriefeuer, um Befehle zu erteilen; doch ist er mehr ein Odysseus als ein Achilles. Er ist beunruhigt, wenn die Gefahr droht, aber gut aufgelegt, wenn er sich mittendrin befindet. Er ist verdrossen in der Freude und unglücklich, wenn er sich zu sehr begünstigt fühlt.
Er ist in jeder Beziehung übersättigt, leicht verärgert, mürrisch, unbeständig, ein tiefgründiger Philosoph, ein fähiger Minister, ein ausgezeichneter Politiker, aber dann auch wieder ein zehnjähriges Kind. Er ist nicht rachsüchtig, entschuldigt sich, wenn er jemandem Kummer bereitet hat, gleicht schnell ein Unrecht wieder aus, glaubt, daß er Gott liebe, wenn er den Teufel fürchtet, von dem er sich einbildet, er sei größer und mächtiger als er. Mit der einen Hand winkt er den Weiblichkeiten zu, die ihm gefallen, und mit der anderen schlägt er das Zeichen des Kreuzes. Er küßt die Füße einer Statue der Jungfrau oder den Alabasternacken einer Statue seiner Mätresse.
Er bekommt zahllose Geschenke von seiner Monarchin und verschenkt sie sofort an andere weiter. Er erhält Ländereien von der Kaiserin und gibt sie wieder zurück oder zahlt ohne ihr Wissen ihre Schulden. Er veräußert und kauft von neuem ungeheure Landstriche, um eine große Kolonnade zu errichten oder einen englischen Garten anzulegen. Danach verkauft er dies alles wieder. Er spielt bis in die Nacht hinein oder überhaupt nicht, er liebt Großzügigkeit beim Geben und Pünktlichkeit beim Zahlen, er ist ungeheuer reich und besitzt keinen Heller. Er ist entweder mißtrauisch oder zutraulich, eifersüchtig oder dankbar, schlecht gelaunt oder gut aufgelegt, leicht voreingenommen für oder gegen etwas, aber auch schnell von einem Vorurteil geheilt. Er spricht mit seinen Generälen über theologische Fragen und über Taktik und Strategie mit seinen Bischöfen.
Er liest niemals, fragt aber jeden Menschen aus, mit dem er sich unterhält; er ist ungewöhnlich leutselig oder außerordentlich grob und gibt sich sehr liebenswürdig oder abscheulich. Er macht abwechselnd den Eindruck des hochmütigsten Satrapen des Ostens oder des gefälligsten Höflings am Hofe Ludwig XIV. Unter einer äußerlich rauhen Oberfläche verbirgt sich das gütigste Herz. Er ist launenhaft hinsichtlich Zeit, Essen, Ruhe und persönlichen Neigungen. Wie ein Kind will er alles haben oder kann wie ein großer Mann alles entbehren. Er ist unterhaltsam, obwohl anscheinend ein Schlemmer, er knabbert an den Fingernägeln, an Äpfeln und Rüben.
Er schimpft oder lacht, äfft jemanden nach oder verflucht ihn, er huldigt der Wollust oder ist ins Gebet vertieft, er singt oder meditiert, ruft jemanden herbei und entläßt ihn wieder, läßt zwanzig Flügeladjutanten antreten und hat keinem etwas zu sagen, er erträgt die Hitze besser als irgendeiner, während er an nichts anderes zu denken scheint als an das wollüstige Bad. Ihn stört die Kälte nicht, obwohl man den Eindruck hat, er könne nicht ohne Pelz existieren. Er läuft stets nur in Hemdsärmel herum und ohne Hosen oder dann in einer reich verzierten Uniform. Entweder läuft er barfuß oder in juwelenbestickten Pantoffeln, trägt weder Hut noch Mütze: so sah ich ihn einst mitten im Musketenfeuer. Manchmal hat er ein Nachtgewand an, andere Male eine glänzende Tunika mit seinen drei Sternen, seinen Orden und seinen Diamanten in Daumengröße um das Bild der Kaiserin; sie scheinen die Kugeln anziehen zu müssen. Gekrümmt und tief gebeugt läuft er herum, wenn es zu Hause ist, und er ist groß, aufrecht, stolz, schön, edel, majestätisch oder faszinierend, wenn er sich der Truppe zeigt, wie Agamemnon unter den Fürsten Griechenlands.
Worin besteht denn sein Zauber? In seinem Genius, seinen natürlichen Fähigkeiten, einem glänzenden Gedächtnis, Herzensgröße, in seiner Boshaftigkeit, die nicht verletzen will, in seiner Geschicklichkeit, die nicht Verschlagenheit ist, in einer glücklichen Mischung von Launen, in seiner Kunst, das Herz jedes Menschen in guten Augenblicken zu gewinnen, in Großzügigkeit, Gefälligkeit und Gerechtigkeit im Belohnen, in einem feinen und unbeirrbaren Geschmack, in seinem Talent, zu erraten, was er nicht weiß, und in einer vollendeten Menschenkenntnis.“

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